Der Name führt in die Irre, und das war Absicht. In einem niederländischen Coffeeshop geht es nicht um Kaffee. Es geht um Cannabis – und darum, dass ein pragmatischer Trick aus den frühen Siebzigern zu einem Modell wurde, das die Drogenpolitik halb Europas beschäftigt hat.
Die Geschichte dahinter ist besser als der Mythos, der meist erzählt wird.
Woher der Name kommt
1972 besetzten Wernard Bruining und ein paar Freunde eine leerstehende Bäckerei an der Weesperzijde in Amsterdam. Die Idee: ein Teehaus, in dem man sitzen, reden und Haschisch rauchen kann. Vorbild waren die Tea Pads der US-Jazzszene der Zwanziger- und Dreißigerjahre.
Den Namen lieferte ein Donovan-Song: Mellow Yellow. Der spielte auf die damals kursierende Legende an, man könne sich am Rauch getrockneter Bananenschalen berauschen. Ein Insider-Witz, der als Ladenschild funktionierte.
Entscheidend war die Wortwahl. Für ein Café oder einen Coffeeshop brauchte man keine besondere Genehmigung. Der harmlose Begriff war die Tarnung, unter der ein Geschäft laufen konnte, das nach damaliger Rechtslage klar verboten war. Verkauft wurde anfangs über einen Hausdealer, der als Gast an der Theke saß.
Mellow Yellow blieb drei Jahre lang einzigartig. 1975 zog ein Stammgast mit dem Coffeeshop Rusland nach, im Dezember desselben Jahres eröffnete Henk de Vries The Bulldog. Der wird bis heute oft als erster Coffeeshop bezeichnet – er war der dritte.
Die Pointe: Das Modell existierte vier Jahre, bevor der Staat darauf reagierte. Die Toleranzpolitik ist keine Erfindung der Politik, sondern deren Antwort auf etwas, das ohnehin schon lief.
Die Toleranzpolitik und ihre Regeln
1976 novellierte die niederländische Regierung das Opiumgesetz und traf eine Unterscheidung, die damals neu war: harte Drogen auf der einen Liste, weiche auf der anderen. Der Gedanke dahinter war Marktrennung. Wer Weed in einem Laden kaufen kann, muss dafür nicht zu jemandem gehen, der auch Heroin verkauft.
Daraus entstand das Gedoogbeleid – die Politik des geregelten Wegsehens. Cannabis blieb formal verboten, der Verkauf wurde unter Auflagen nicht verfolgt. Diese Auflagen sind bis heute im Kern dieselben:
- keine Werbung
- keine harten Drogen im Sortiment
- keine Belästigung der Nachbarschaft
- kein Zutritt und kein Verkauf unter 18 Jahren
- maximal fünf Gramm pro Person und Tag
- höchstens 500 Gramm Handelsvorrat im Laden
2012 kam das Ingezetenencriterium dazu: Zutritt nur für Personen mit Wohnsitz in den Niederlanden. Rechtlich gilt es landesweit, durchgesetzt wird es aber unterschiedlich. In den Grenzstädten im Süden, etwa Maastricht, wird kontrolliert. Amsterdam verzichtet darauf.
Das Problem mit der Hintertür
Der Konstruktionsfehler des Modells hat einen eigenen Namen: het achterdeurprobleem. Vorne darf verkauft werden, hinten darf nicht eingekauft werden. Anbau und Großhandel blieben durchgehend illegal.
Für die Betreiber bedeutete das eine paradoxe Lage: Sie führen ein geduldetes Geschäft, müssen ihre Ware aber aus einem Bereich beziehen, der strafrechtlich verfolgt wird. Herkunft, Reinheit und Wirkstoffgehalt waren damit strukturell ungeprüft – ausgerechnet in dem Modell, das für Verbraucherschutz stehen sollte.
Genau dieser Widerspruch war der Anlass für das, was seit einigen Jahren läuft.
Das Wietexperiment
Offiziell heißt es Experiment gesloten coffeeshopketen – Experiment geschlossene Coffeeshop-Kette. Der Staat hat zehn Produzenten lizenziert, die legal anbauen dürfen. In zehn teilnehmenden Gemeinden dürfen die Coffeeshops ausschließlich diese regulierte Ware verkaufen.
Die Phasen: Die Anlaufphase startete im Dezember 2023 in Breda und Tilburg. Ab Juni 2024 durften Coffeeshops in allen zehn Gemeinden parallel geduldete und regulierte Produkte führen. Seit dem 7. April 2025 ist nur noch regulierte Ware zulässig, seit dem 1. September 2025 gilt das auch für Haschisch. Die Experimentierphase ist auf vier Jahre angelegt.
Beteiligt sind Almere, Arnheim, Breda, Groningen, Heerlen, Maastricht, Nijmegen, Tilburg, Voorne aan Zee und Zaanstad. Amsterdam ist ausdrücklich nicht dabei.
Für Konsumenten heißt das vor allem: geprüfte Ware mit deklariertem Gehalt, kontrolliert durch die Lebensmittel- und Warenbehörde. Kritik gibt es reichlich – aus der Branche vor allem an Verzögerungen und daran, dass die Sortenvielfalt der lizenzierten Produzenten anfangs deutlich hinter dem zurückblieb, was die Läden vorher führten.
Was sich in Amsterdam verändert hat
Die Stadt hat ihr Verhältnis zum Cannabistourismus in den letzten Jahren spürbar abgekühlt. Seit 2023 ist das Rauchen von Cannabis auf offener Straße im Rotlichtviertel untersagt. Die Zahl der Coffeeshops ist über die Jahre durch kommunale Obergrenzen und Abstandsregeln zu Schulen deutlich gesunken – landesweit gibt es heute nur noch einen Bruchteil der Läden, die es in den Neunzigern gab.
Was bleibt: Der Konsum ist auf die Läden und den privaten Raum beschränkt. Wer draußen im Falschen Viertel raucht, riskiert ein Bußgeld.
Andere Modelle im Vergleich
Das niederländische Modell ist inzwischen nicht mehr das einzige.
In Spanien haben sich Cannabis Social Clubs entwickelt: nicht gewinnorientierte Vereine, die für ihre Mitglieder anbauen und abgeben. Die Rechtslage dort ist allerdings deutlich unsicherer, als es die Zahl der Clubs vermuten lässt.
Uruguay legalisierte 2013 als erstes Land vollständig, mit Verkauf über registrierte Apotheken und staatlicher Kontrolle des Anbaus. Kanada zog 2018 landesweit nach, mit lizenzierten Geschäften und provinziell unterschiedlichen Regeln. In den USA ist die Lage von Bundesstaat zu Bundesstaat verschieden und auf Bundesebene weiterhin ungeklärt.
Der Unterschied zum Coffeeshop ist grundsätzlich: Überall dort ist die gesamte Kette legal geregelt. Die Niederlande haben jahrzehntelang nur das Ladenlokal geduldet – und arbeiten mit dem Wietexperiment gerade daran, diese Lücke zu schließen.
Und Deutschland?
Seit dem 1. April 2024 gilt das Konsumcannabisgesetz. Erwachsene dürfen begrenzte Mengen besitzen und für den Eigenbedarf anbauen, seit Juli 2024 kommen Anbauvereinigungen als geregelte Bezugsquelle dazu. Coffeeshops im niederländischen Sinne gibt es nicht – ein kommerzieller Verkauf ist nicht vorgesehen.
Der Punkt, den man wirklich kennen sollte, betrifft die Rückfahrt: Cannabis über die Grenze mitzunehmen ist Einfuhr und damit strafbar. Daran ändert weder die deutsche noch die niederländische Regelung etwas. Was im Coffeeshop gekauft wurde, bleibt in den Niederlanden. Deutsche Zöllner kontrollieren im grenznahen Raum regelmäßig, und die Erklärung, das sei doch legal gekauft worden, hilft nicht weiter.
Das ist keine Rechtsberatung – wir sind Glasbläser, keine Juristen. Aber der Punkt ist eindeutig genug, dass man ihn erwähnen sollte.
Was vom Modell bleibt
Fünfzig Jahre nach der besetzten Bäckerei hat sich das Umfeld komplett gedreht. Was 1972 ein Trick war, um ein illegales Geschäft zu tarnen, ist heute eine regulierte Branche mit Lizenzen, Laboranalysen und behördlichen Kontrollen.
Was sich nicht geändert hat, ist die Grundidee: Ein Ort, an dem man sitzt, redet und in Ruhe konsumiert, ist einem Deal im Hauseingang vorzuziehen. Das war das Argument der Hippies in der Bäckerei, und es ist bis heute das Argument des Gesetzgebers.
Ob das Wietexperiment am Ende in eine dauerhafte Regulierung mündet, ist offen. Es ist eine Testreihe mit Auswertung, kein beschlossener Kurswechsel. Die Ergebnisse dürften weit über die Niederlande hinaus gelesen werden.
Fazit
Der Coffeeshop ist ein Stück Kulturgeschichte, das aus einem Wortspiel und einer Gesetzeslücke entstanden ist. Er hat der Debatte über Cannabispolitik ein konkretes Bild gegeben, an dem sich seither alle abarbeiten – Befürworter wie Gegner.
Was er dabei nebenbei geprägt hat, ist die Kultur drumherum. Die Vorstellung, dass es beim Konsum um mehr geht als um Wirkung – um den Ort, das Gerät, die Runde – ist in diesen Läden groß geworden. Dass eine gut gebaute Bong aus dickwandigem Glas mehr Freude macht als eine aus dem Ramschregal, hat sich zur selben Zeit herumgesprochen. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

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